Die Strategie stammt vom Feldherrnhügel. Heute wohnt sie auf Folie sieben. Kaum ein Wort hat in den letzten Jahrzehnten einen solchen Abstieg bei gleichzeitigem Aufstieg erlebt: Es adelt inzwischen jede Maßnahmenliste, jede Jahresplanung, jedes Papier, das länger als zehn Seiten ist – und genau darin liegt seine Gefahr. Denn das Wort verspricht etwas. Es verspricht, dass jemand die Lage gelesen, Wege erwogen, eine Wahl getroffen und begründet hat. Wo dieses Versprechen nicht eingelöst wird, wird es fällig. Meistens im ungünstigsten Moment.
Eine politiknahe Stiftung legt ihrem Stiftungsrat ein Strategiepapier zur Schwerpunktverlagerung vor. Zwei Jahre Arbeit stecken darin: Klausuren, Gutachten, abgestimmte Vorlagen, ein sorgfältig moderierter Prozess. Das Papier enthält Vorhaben, Maßnahmen, Meilensteine. Nach zwanzig Minuten fällt im Stiftungsrat die Frage, an der alles hängt: Worin besteht eigentlich die Strategie? Die Frage ist keine Verständnisfrage. Sie ist eine Existenzfrage des Papiers, und sie ist unbeantwortbar, weil das Papier die Antwort nicht enthält. Es enthält keine Bezugnahme auf die konkrete Lage, keine begründete Wahl zwischen Wegen, keine Rangfolge der Mittel. Ein Operationsplan in Strategiesprache. Die Geschäftsführung improvisiert, die Weiterfinanzierung gerät ins Rutschen – und zwar nicht, weil es dem Papier an Fleiß fehlte. Es ist außerordentlich fleißig. Es ist nur keine Strategie.
Das Scheitern fällt in solchen Momenten härter aus, als der Textbefund es erwarten ließe, und das hat seine Logik. Wer Strategie ankündigt und Betrieb liefert, wird nicht als gewissenhaft gelobt, sondern als orientierungslos verdächtigt; die Fallhöhe hat der Begriff selbst aufgebaut. Zugleich erodiert etwas Grundsätzlicheres: Ein Gremium, das einmal erlebt hat, dass die Führung den eigenen Zentralbegriff nicht einlösen kann, liest auch die nächste Vorlage anders. Und die Frage des Stiftungsrats hat eine Eigenschaft, die sie im Gremienbetrieb so wirksam macht – sie lässt sich nicht mit mehr Material beantworten. Gegen fehlende Zahlen hilft ein Anhang. Gegen fehlende Wahl hilft nichts, was nachgereicht werden kann.
Dabei ist eine Strategie keine Stilfrage und kein Geheimnis. Sie besteht, seit es das Wort gibt, aus vier Bewegungen: Lage lesen, Optionen entwickeln, Wahl begründen, Mittel ordnen. Einem Papier ist anzusehen, ob es diese Bewegungen vollzieht oder nur ihre Vokabeln trägt. Und es lässt sich prüfen, Argument für Argument, bevor der Stiftungsrat es tut: Die Frage nach zwanzig Minuten kann man stellen, solange sie noch nützt. Das ist keine Kunst der schönen Formulierung; die Stiftung hatte vorzüglich formulierte zwei Jahre hinter sich. Es ist die Prüfung dessen, was unter den Formulierungen liegt.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Begriffsinflation: Je häufiger ein Wort verliehen wird, desto seltener wird geprüft, ob der Träger es verdient – bis es ein Gremium tut. Strategiepapiere fallen nicht durch, weil sie schlecht geschrieben wären. Sie fallen durch, weil sie sich für etwas ausgeben, was sie nicht sind.



